Schmerzarten

Häufige Arten von chronischen Schmerzen

Von den 1,5 Millionen Österreichern über 16 Jahre leiden laut der im Auftrag der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) durchgeführten IMAS-Studie mit Abstand die meisten an Rückenschmerzen. 43,3 Prozent gaben bei einer Erhebung des CEOPS (Center of Excellence for Orthopedic Pain Management Speising) ihre Rückenprobleme mit „Kreuzschmerzen“ an, 42,9 Prozent mit „Nackenschmerzen“ und 39,6 Prozent mit „Schmerzen in der Brustwirbelsäule“. Als Grund dafür wurde vornehmlich das stundenlange Sitzen am Computer und der damit verbundene Bewegungsmangel geortet.

Kaum ein Fünftel der Rückenleiden lassen jedoch eine Ursache, wie einen Bandscheibenvorfall, erkennen. Für die überwiegende Mehrheit der Patienten, die genauso unerträgliche Schmerzen empfinden, gibt es keinen konkreten Auslöser. Den Grund für das Leiden kann oft nur ein Psychologe feststellen, der freilich in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss. Als mögliche Ursachen kristallisieren sich dann oft heraus: Probleme am Arbeitsplatz oder in der häuslichen Umgebung. Auch können bestimmte Erfahrungen in der Kindheit einer Besserung des Zustands mit herkömmlichen Methoden entgegenstehen. Schlussendlich können sich Schmerzen, die zu lange andauern im Gedächtnis verankern (Schmerzgedächtnis).

Eines steht allerdings fest: Der/die Leidende bildet sich die Schmerzen keineswegs ein, sondern erlebt sie in voller Stärke.

An zweiter Stelle der chronischen Leiden stehen Kopfschmerzen. Der Spannungskopfschmerz, der den gesamten Hinterkopf erfasst, kommt am häufigsten vor, gefolgt von Migräne (meist einseitig) und  – zu einem geringen Prozentsatz – der zumeist rund um das Auge auftretende Cluster-Kopfschmerz.

Beim ebenfalls immer häufiger empfundenen Nervenschmerz (Neuropathischer Schmerz) handelt es  sich um eine Schmerzart, die durch Erkrankungen ausgelöst wird, die das schmerzleitende Nervensystem schädigen. Diese Erkrankungen können sowohl periphere Nerven als auch das Zentralnervensystem (Rückenmark und Gehirn) betreffen. Neuropathische Schmerzen werden oft beim immer häufiger auftretenden Diabetes Mellitus, bei älteren Patienten und bei einem großen Anteil von Patienten mit Rückenschmerzen beobachtet. Auch Nervenverletzungen bei Unfällen und Operationen, u.a.  Amputationen von Gliedmaßen (Phantomschmerz), aber auch Leistenbruchoperationen, führen zu chronischen Nervenschmerzen.

Ein Kapitel für sich sind psychogene Schmerzen, deren Ursache im Seelischen liegt. Unbewältigte Probleme können zu vom Körper empfundenen chronischen Schmerzen führen. Die Betroffenen bilden sich die Schmerzen nicht ein, sondern erleben sie in voller Stärke.

Akutschmerz

Schmerzen nach Operationen werden häufig unterschätzt

Schmerzen haben eine für den Körper wichtige und gegebenenfalls überlebensnotwendige Warnfunktion. Akuter Schmerz begleitet Verletzungen und Krankheitsprozesse und ist zeitlich begrenzt. Im Gegensatz zum chronischen Schmerz kann beim akuten Schmerz in der Regel eine physiologische Schmerzursache benannt werden. Diese Schutzfunktion gilt bei Schmerzen, die durch kontrollierte klinische Situationen – wie z.B. Operationen – hervorgerufen werden, nur bedingt. Hier ist die Versorgung des Patienten auf den Heilungsprozess ausgerichtet und zielt darauf ab, unnötige Schmerzen zu vermeiden. Eine adäquate Schmerztherapie ist wesentlich für die Wiedererlangung von Lebensqualität und wichtig für eine rasche Genesung und Mobilisation.2

Schmerzen können nach jedem chirurgischen Eingriff auftreten. Allerdings wird die erwartete Schmerzintensität häufig falsch eingeschätzt. Entgegen den Erwartungen sind bei kleineren Operationen wie Mandelentfernung, Entfernung der Gallenblase oder des Blinddarms die Schmerzen häufig stärker als bei umfangreicheren Eingriffen:

 

Wenn Akutschmerz chronisch wird

Etwa die Hälfte aller Patienten haben nach einer Operation Schmerzen – zum Teil starke. Diese Tatsache wird häufig unterschätzt. Zudem berichtet etwa die Hälfte der Patienten erst dann über ihre Schmerzen, wenn sie unerträglich werden. Die Folge ist, dass Schmerzen häufig zu spät und nicht ausreichend behandelt werden. Das Ergebnis einer inadäquaten schmerztherapeutischen Versorgung kann neben längerem Spitalsaufenthalt, Komplikationen und einer späteren Genesung die Chronifizierung des Schmerzes sein.

Grafik 2_Paradox Kleine OP große Schmerzen

Der erste Tag nach der Operation ist entscheidend

Um das häufige Auftreten chronischer Schmerzen nach Operationen zu vermeiden, ist adäquates postoperatives Schmerzmanagement besonders wichtig. Dabei spielt der Faktor Zeit eine ganz wesentliche Rolle. Denn die Zeit, die ein Patient am ersten postoperativen Tag unter starken Schmerzen leidet, stellt einen Risikofaktor für die Entwicklung persistierender Schmerzen dar. Anders gesagt: Um zu verhindern, dass Schmerzen chronisch werden, ist das Ausmaß der Schmerzlinderung am ersten Tag nach der Operation von entscheidender Bedeutung.

Grafik 1_Schmerzen nach OP

Wichtige Aspekte für eine gute Akutschmerztherapie:

  • Aktive Einbindung des Patienten Eine optimale Schmerzbehandlung beginnt schon vor der eigentlichen Operation. Im Rahmen des präoperativen Aufklärungsgesprächs soll der Patient auch über zu erwartende Schmerzen und analgetische Möglichkeiten informiert werden. Wichtig dabei ist es, dass die Patienten aktiv in die Therapieentscheidung einbezogen werden.
  • Rechtzeitige, bedarfsorientierte Schmerzmedikation
  • Auch die aktive Kontrolle über die Therapie scheint von hoher Wichtigkeit für die Patienten zu sein. So zeigte eine Metaanalyse von 55 Studien mit beinahe 4.000 Patienten, dass eine patientengesteuerte Analgesie (nicht invasive Systeme, bei denen der Patient selbst die Verabreichung steuern und damit individuell an seinen Schmerzmittelbedarf anpassen kann) im Vergleich zu einer konventionellen intravenösen Verabreichung von Schmerzmitteln zu einer höheren Zufriedenheit führt.3
  • Effektive Teamarbeit und Kommunikation Für ein bestmögliches Ergebnis in der Behandlung postoperativer Schmerzen hat die reibungslose Kommunikation aller Mitglieder des Schmerzteams sowie die interdisziplinäre und interprofessionelle Kooperation zwischen den Fachgebieten Anästhesiologie, Chirurgie und Pflege einen hohen Stellenwert.
  • Einfache, klar definierte Protokolle
  • Regelmäßige Schmerzerfassung Das sollten Sie wissen: Jeder Eingriff kann Schmerzen mit sich bringen. Nach einer Operation muss heute aber niemand mehr starke Schmerzen aushalten. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, Schmerzen effektiv und rasch zu lindern! Link-Tipp: Mehr Information zum Thema postoperativer Schmerz gibt’s unter www.change-pain.at
  • Info-Tipp: Broschüre „Schnell fit nach der Operation unter: http://www.change-pain.at/grt-change-pain-portal/Change_Pain_Home/Acute_Pain/Patient/Patientenservice/de_AT/326700003.jsp

 

Quellen:

1 Gerbershagen et al., Anesthesiology 2013; 118: 934-944

2 Freys & Mohr, Allgemein- und Viszeralmedizin up2date 1 2014: 59-79; doi: http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1346917

3 Hudcova et al., Cochrane Database Syst Rev 2006 (4): CD003348